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Hilfsdienste
Pflegenotstand, Hilfsdienste und wie die Schwächsten das Nachsehen haben
2012 bin ich (Iris) nach Freiburg gezogen. Schon damals war das Ganze viel Koordination, hat aber insgesamt gut funktioniert.
Die Rahmenbedingungen:
Eines der Hauptprobleme ist sicherlich der große Personalmangel und viele über lange Zeit offen bleibende Stellen. Wer zu lange unter einer Dauerüberforderung leidet, geht schließlich in den Überlebensmodus und wird blind für alles außerhalb. Hier helfen nur noch ein sehr gutes Team und eine professionelle Supervision.
Wo es unerträglich wird:
Einige Assistenz-Schichten bei mir sind gar nicht mehr besetzt. Manche wurden so kurzfristig abgesagt, dass ich keine Möglichkeit hatte, Ersatz zu organisieren (selbst wenn dies möglich gewesen wäre). Es gibt Tage, an denen ich fast nichts trinken kann, weil ich nicht weiß, wie ich zur Toilette komme. Auch habe ich schon einige Nächte im Rollstuhl verbracht, weil kein geeigneter Nachtdienst zur Verfügung stand.
Wahrung meiner Würde:
Ich empfinde es als entwürdigend, wenn Männer bei mir die Intimpflege machen sollen. Deshalb verweigere ich die Pflege durch Männer. Ich empfinde es als zutiefst verletzend, deswegen durchblicken zu lassen, ich wäre eine unkooperative Kundin.
Kündigung/Teilkündigung:
Eine Teilkündigung des Akbn (Hilfsdienst) bringt mich in eine prekäre Situation: Zum einen ist es aufgrund des Pflegenotstandes derzeit fast unmöglich, in Freiburg pflegerische Versorgung zu organisieren, die über eine "unkomplizierte Standardversorgung" und einfache Behandlungspflege hinausgeht. Zum anderen gibt es in Freiburg, wenn man auf umfangreiche Assistenz angewiesen ist, gar keine Alternative zum Akbn. Ich hatte dann ein Gespräch mit zwei Mitarbeiterinnen des Akbn und wir einigten uns darauf, dass ich mich bemühe, weitere Dienste mit dazu zu organisieren und der Akbn meine Assistenz weiterhin so gut gewährleistet, wie er eben kann.
Und jetzt?
Obwohl ich mit 15 bis 20 Pflegediensten Kontakt hatte, gestaltet es sich als schwierig bis unmöglich, weitere Dienste zu meiner Assistenz dazu zu organisieren. Die Personalsituation beim Akbn ist nach wie vor heikel. Jede Krankmeldung bringt die Planung zum Zusammenbrechen. Der Aufwand Krankmeldungen unter den gegebenen Umständen auszugleichen, ist den Mitarbeitern des Büros des Akbn zu hoch. Das wurde mir deutlich bei unserem letzten Gespräch signalisiert. Das bedeutet für mich, dass jede Krankmeldung mit großer Angst verbunden ist: Werden sie mir jetzt kündigen? War dies die Krankmeldung zuviel? Was mache ich dann?
Es geht im Assistenzbereich allen schlecht mit der Situation: den Menschen, die verwalten und planen, denjenigen, die viel zu viele Dienste leisten müssen und vor allem den behinderten Menschen: Wir können uns der Situation nicht entziehen, wir können nicht krank werden, wir können nicht kündigen.
Das Obere schildert verkürzt meine (Iris‘) Perspektive.
Pflegenotstand, Hilfsdienste und wie die Schwächsten das Nachsehen haben
Immer wieder berichten die Medien über den Pflegenotstand und seine Konsequenzen. Häufig werden Heime gezeigt, in denen eine hoffnungslose Unterbesetzung herrscht. In der Regel kommt noch ein Interview mit Pflegekräften hinzu. Die Perspektive der Menschen, die die pflegerischen Hilfen benötigen, fehlt mir (Iris) häufig. Weil mein Leben in der Zwischenzeit zum Teil absurde Formen angenommen hat, möchte ich im Folgenden schildern, was ich erlebe.
Zum Hintergrund:
2012 bin ich nach Freiburg gezogen. Ich habe damals noch in Offenburg gearbeitet und bin gependelt. Durch die zwei Standorte musste ich die Hilfe, die ich brauche, relativ komplex organisieren. Ich habe mit drei Pflegediensten zusammengearbeitet und der Akbn hat Assistenzkräfte gestellt. Meine Unterstützung für nachts habe ich damals noch selbst organisiert.
Das ganze war viel Koordination, hat aber insgesamt gut funktioniert. Im Laufe der Zeit hat sich meine Gesundheit weiter verschlechtert, ich musste aufhören zu arbeiten, und konnte auch die Hilfen für nachts nicht mehr weiter selbst organisieren und verwalten. In der Zwischenzeit ist es nur noch ein Pflegedienst und der Akbn, mit denen ich meinen Alltag organisiere. Und das ist in den letzten Jahren zunehmend schwieriger geworden.
Die Rahmenbedingungen:
Eines der Hauptprobleme ist sicherlich der große Personalmangel und viele über lange Zeit offen bleibende Stellen. Dies führt unter anderem zu einer Dauerüberforderung der Menschen, die die Dienste leisten müssen und auch (und das wird häufig übersehen), die sie planen müssen. Man macht das eine Weile mit und schaltet schließlich in den Überlebensmodus.
Die Patienten und Kunden geraten völlig aus dem Blick, das einzig Wichtige ist die Fertigstellung des Plans am Ende. Kollegen oder Kunden, die völlig legitime eigene Interessen verteidigen, werden nur noch als Störfaktor wahrgenommen. Ich kenne diese Mechanismen selbst, ich habe lange genug die Tourenplanung in einem Pflegedienst selbst gemacht. Auch weiß ich, dass man aus manchen Gedanken nur dann herauskommt, wenn einem eine liebe Kollegin auf die Sprünge hilft oder eine gute Supervision vorhanden ist. (Hier ist auch aus meiner Sicht einer der Punkte, an denen man ansetzen kann, um die Situation zu verbessern .)
Wo es unerträglich wird:
Doch nun dazu, was das alles für meinen Alltag bedeutet: ich kann pro Monat über ein gewisses Kontingent an Stunden verfügen, um die Hilfen die ich brauche, zu organisieren. Ein großer Teil dieses Hilfsnetzes sind drei Schichten jeden Tag, die beim Akbn liegen, zwei am Tag und eine in der Nacht.
Es hat immer viel an Organisationsarbeit gekostet, diese Schichten auch zu besetzen. In den letzten zwei, drei Jahren hat sich die Situation jedoch zunehmend zugespitzt. Im November und Dezember sind von der ersten Tagschicht im gesamten Monat jeweils eine mit einer Frau besetzt. In den Sommer- und Herbstmonaten waren die Nächte ein sehr großes Problem. Ich habe einige Nächte im Rollstuhl verbringen müssen. Entweder war ein Mann geplant, oder neue Mitarbeiterinnen aus dem Ausland, die so schlecht Deutsch verstanden, dass es für mich extrem gefährlich gewesen wäre, wenn sie mich in der Zeit, in der ich nicht angegurtet bin, falsch verstanden hätten. An einem Abend hatte ich die Wahl entweder um 7 Uhr ins Bett zu gehen oder die Nacht im Rollstuhl verbringen zu müssen.
Da ich an diesem Abend einen wichtigen Termin hatte und mich auch extrem darüber geärgert habe, derart vorgeschrieben zu bekommen, wann ich ins Bett gehe, habe ich auch diese Nacht im Rollstuhl verbracht. Im Hochsommer bei 35 bis 40 Grad Celsius wurden mir einige Schichten kurzfristig abgesagt (ohne einen Ersatz zu schicken), weil eine der Mitarbeiterinnen sich krank gemeldet hatten. Das bedeutete für mich, dass ich in meinem heißen Zimmer saß ohne trinken zu können, weil ich keine Möglichkeit hatte zur Toilette zu kommen.
Wahrung meiner Würde:
Immer wieder, wenn ich mal wieder längere Zeit, am Telefon verbringe, um doch noch zu organisieren, dass jemand zu mir kommt, taucht die Frage auf, warum ich nicht zulasse, dass Männer mir bei der Intimpflege helfen würden. Häufig hat das Ganze den Unterton, dass alles nicht so schwierig wäre, wenn ich nicht so kompliziert wäre. Ich empfinde es als entwürdigend, wenn Männer mir pflegerisch behilflich sein sollen. Deshalb verweigere ich die Pflege durch Männer. Warum darf jede gesunde Frau über ihren Körper und dessen Grenzen frei verfügen, aber wenn man auf Hilfe angewiesen ist, gelten andere Regeln? Ich empfinde es als zutiefst verletzend, deswegen durchblicken zu lassen, ich wäre eine unkooperative Kundin.
Kündigung/Teilkündigung:
Mitte Oktober gab es eine sehr schwierige Woche: in sieben Tagen sind fünf Schichten sehr kurzfristig ausgefallen, weil sich Mitarbeiterinnen extrem kurzfristig krank gemeldet oder sich die Dienste gar nicht erst in ihren Kalender geschrieben hatten. Ähnliche Probleme gab es auch an den Wochenenden in den Monaten davor gelegentlich.
In dieser Oktoberwoche sind zweimal Mitarbeiterinnen aus dem Büro des Akbn für jeweils eine Stunde gekommen, um wenigstens einen Notdienst aufrechtzuerhalten. Am 17.10. kam per E-Mail eine Kündigung/Teilkündigung des Akbn, in der im Wesentlichen stand, dass ich entweder in den nächsten zwei Wochen eine Lösung finden müsste, die den Akbn davon entlastet für den unbedingt nötigen pflegerischen Bedarf Verantwortung übernehmen zu müssen und so seine Vertragspflichten zu erfüllen, oder dass ab Dezember gar niemand mehr kommen würde.
Dies bringt mich aus zwei Gründen in eine prekäre Situation: Zum einen ist es aufgrund des Pflegenotstandes derzeit fast unmöglich in Freiburg pflegerische Versorgung zu organisieren, die über eine "unkomplizierte Standardversorgung" und einfache Behandlungspflege hinausgeht. Zum anderen gibt es in Freiburg, wenn man auf umfangreiche Assistenz angewiesen ist, gar keine Alternative zum Akbn. Ein solches Schreiben zieht mir direkt den Boden unter den Füßen weg.
Es macht für mich einen großen Unterschied, ob man während schwieriger Zeiten im gemeinsamen Boot sitzt und sich bemüht das Beste aus einer für alle Seiten extrem belastenden Situation zu machen oder ob ich vor die Wahl gestellt werde, Unmögliches zu vollbringen oder aus dem Boot geschubst zu werden. Ich hatte dann ein Gespräch mit zwei Mitarbeiterinnen des Akbn und wir einigten uns darauf, dass ich mich bemühe, weitere Dienste mit dazu zu organisieren und der Akbn meine Assistenz weiterhin so gut gewährleistet, wie er eben kann.
Obwohl ich mit 15 bis 20 Pflegediensten Kontakt hatte, konnte ich beispielsweise noch keinen regelmäßigen Zusatztermin am späten Nachmittag organisieren. Die Spättouren sind ausgebucht, sie sind zur fraglichen Uhrzeit nicht in der Gegend oder fahren meine Straße gar nicht an. Ich bleibe dran.
Und jetzt?
Im Dezember waren an fünf Tagen sämtliche Tagschichten von vornherein nicht besetzt. Ich konnte an diesen Tagen organisieren, dass mein anderer Pflegedienst am späten Nachmittag noch einmal kommt, um mir zur Toilette zu helfen. So können in den offenen Zeiten männliche Mitarbeiter des Akbn eingeplant werden. Jedoch bringt jede Krankmeldung die Planung zum Zusammenbrechen. Es gibt praktisch keine Frauen mehr im Bereitschaftsdienst und so müssen alle bei mir beschäftigten Frauen eigens angefragt werden, ob sie einspringen können und wenn ja, in welchem Umfang.
Dieser Aufwand Krankmeldungen auszugleichen, ist den Mitarbeitern des Büros des Akbn zu hoch. Das wurde mir deutlich bei unserem letzten Gespräch signalisiert. Das bedeutet für mich, dass jede Krankmeldung mit großer Angst verbunden ist: Werden sie mir jetzt kündigen? War dies die Krankmeldung zuviel? Was mache ich dann?
Ich spreche mit vielen Menschen, die in der Pflege und in der Assistenz arbeiten. Im Prinzip, höre ich von überall her das Gleiche. Jeder kämpft auf seinem Platz ums Überleben. Ein Tag nach dem anderen wird irgendwie „zusammengeschustert“ und es geht allen schlecht damit: den Menschen, die verwalten und planen, denjenigen, die viel zu viele Dienste leisten müssen und vor allem auch den behinderten Menschen: Wir können uns der Situation nicht entziehen, wir können nicht krank werden, wir können nicht kündigen.


